Dies ist kein Jahresrückblick...

... aber ein Blick auf ein Thema, das in 2017 viele beschäftigt hat.
Ich habe es nicht so mit Jahresrückblicken, ganz ehrlich. Genauso wenig mache ich mir gute Vorsätze fürs kommende Jahr. Ein Rückblick hat bestenfalls etwas zur Unterhaltung beigetragen und Pläne gehören sowieso zum Leben dazu (da braucht es keinen Jahresanfang für).
Aber es gab ein Thema, dass dieses Jahr viel diskutiert wurde und mich immer noch beschäftigt. Und die Diskussion hat auch dazu geführt, dass ich zumindest einen guten Vorsatz gefasst habe.

Im Zuge der Verbreitung des Hashtags #metoo und der Diskussion darum ist in der Buchblogwelt ein sehr interessantes Gespräch entstanden, bzw. wieder aufgelebt, das sich vornehmlich mit der Darstellung von problematischen und missbräuchlichen Beziehungen in Büchern beschäftigt. Hier fallen häufig die Schlagworte Dark Romance und Rapefiction.
Das Sub-Genre Dark Romance wurde von den allseits bekannten Vampir-Romanen sowie von der "Shades of Grey"-Reihe geprägt. Im Grunde handelt es sich um Liebesromane, in denen die Hauptfigur eben nicht auf Prince Charming trifft, sondern das komplette Gegenstück: den Bad Boy.
Ein recht gelungener Versuch, dieses Genre konkreter zu beschreiben, findet sich hier (Englisch).

Das Genre hat seine Fans und einzelne Titel/ Serien (z.B. Paper Princess) sind recht erfolgreich. Gleichzeitig spaltet es die Gemüter, weil sich unter dem Dark Romance-Deckel oft auch sog. Rapefiction verbirgt. Hier gibt es also einiges an Verwirrungs- und Interpretationspotenzial.
Ich empfehle folgende Blog-Beiträge, um sich ein Bild zu machen:

Als Beispiel für die Sicht der Kritiker:
Aurelia schreibt auf ihrem Blog Geekgeflüster: "Rapefiction-Debatte: Es geht um alles, aber nicht um Sex"

Und - als Beispiel für eine Antwort auf die Kritiker:
Madame Lustig klärt auf auf ihrem Blog Kunterbunte Flaschenpost: "Der Fall Paper Princess oder auch: Ich möchte bitte lesen dürfen, was ich möchte!"

Im Grunde steht auf der einen Seite eine stark feministisch geprägte Sichtweise, die eine Romantisierung und/ oder Verharmlosung von gefährlichen Machtverhältnissen häufig zulasten schwacher Frauen in vielen Dark Romance-Werken kritisieren. Dem Gegenüber steht - aus meiner Sicht -  zu Recht die Frage, warum denn eine Liebesgeschichte immer süß-romantisch sein muss, wenn es doch in der Lebensrealität der meisten Menschen gerade um die komplizierten, ungesunden und mit Problemen behafteten Beziehungen geht?
Ich verstehe aber auch die Kritiker, die ja nicht die Darstellung solcher Beziehungen an sich kritisieren, sondern die Romantisierung und den Hype, die teilweise stattfinden. Bei der Beschreibung des gesamtgesellschaftlichen Problems gehe ich jedoch nicht konform.

Für mich ist es eher eine Ei-versus-Huhn-Frage: Beeinflussen solche Geschichten nachhaltig das Rollenbild von Frauen und Männern? Oder sind es nicht vielmehr die Umwälzungen in den Rollenbildern, die seit nunmehr fünf Jahrzehnten stattfinden, die den Zeitgeist derart prägen, dass heute vor allem junge Leser zum Teil andere Liebesbeziehungen portraitiert haben wollen. Liebesgeschichten, in denen die Partner aus gesellschaftlich unfairen und dramatisch unterschiedlichen Verhältnissen stammen, die nicht selten problematische Machtverhältnisse begründen, sind heute zumindest ebenso gefragt, wie die klassischen Liebesromane, in denen die größte Widrigkeit vielleicht darin besteht, ein dummes Missverständnis zu klären. Junge Frauen glauben eben nicht mehr an Prinz Charming. Und - nebenbei - das liegt vor allem daran, dass sie Feministinnen sind.
Also geht es bei der Diskussion wieder einmal um gegensätzliche Meinungen und teilweise leider auch um das Gefühl einer moralischen Überlegenheit gegenüber Anderen. Da damit beide Seiten ihre Probleme bei der sachlichen Argumentation haben, bleibt einem nur eins: sich seine eigene Meinung zu bilden und danach zu handeln. Sollten Autoren auf die Darstellung problematischer Beziehungen, in denen Machtverhältnisse missbraucht werden, verzichten? - Ich denke nicht. Aber eine Sensibilisierung ist nie verkehrt. 

Was hat das alles mit meinem einen guten Vorsatz zu tun?
- Nun, ich habe seit einiger Zeit ein Konzept für einen Roman in meiner virtuellen Schublade liegen. Die Geschichte wird in Richtung romantischer Thriller gehen und u.A. eine Mafia-Thematik enthalten. Auch hier wird es eine Beziehung geben, die von einem unfairen Machtverhältnis geprägt sein könnte. Die Betonung liegt auf könnte, denn noch ist der Roman nicht geschrieben - ja, nicht einmal der Plot ist fertig. Mein Vorsatz: Mich ans Plotten und anschließend ans Schreiben machen, dabei drauf achten, dass die Partner in der ziemlich verzwickten Liebesbeziehung auf Augenhöhe agieren, trotz der gesellschaftlich unfairen und verdammt unterschiedlichen Verhältnisse, aus denen sie stammen, und den Widrigkeiten, denen sie begegnen - uff! Sollte ich feststellen, dass mir das nicht oder nur mäßig gelingt... hmmm... dann werde ich wohl zumindest eine Art Warnhinweis in das Buch mit aufnehmen, schätze ich.