4 Adventssonntage - 4 Texte zum Nachdenken, Teil 4

Höhere Sensibilisierung erreichen wir nicht mit der Axt im Wald


Im Beitrag vom letzten Sonntag habe ich dargelegt, dass es sehr wohl darauf ankommt, wie man etwas sagt und, dass Kritik an dem Wie nicht automatisch Tone Policing sein muss. Wenn ich möchte, dass mein Gegenüber mich versteht, von meinem Worten überzeugt ist und mir folgt, dann muss ich wenigstens ein bisschen darüber nachdenken, wie ich das am besten anstelle. Unabhängig vom Thema/ Inhalt gilt: Drohen, Schimpfen, Pöblen, Bloßstellen – negative Anreize funktionieren hier deutlich schlechter als positive. Es gibt ein Phänomen, das mich sehr nachdenklich stimmt: Wieso gerade Menschen, die eine höhere Sensibilisierung und ein besseres Miteinander erreichen wollen, sich selbst oft aufführen, wie die Axt im Wald. 
Ich weiß, was manche jetzt denken. „Die will wohl auch Nazis gut zureden, wie?!“ Äh, nein. Einfach nein! Ich beschäftige mich hier nicht mit der Frage, wie man ewig Unbelehrbare bekehrt oder mit Feinden kuschelt. Ich rede hier von Menschen, denen wir auf Augenhöhe begegnen, die grundsätzlich mit unserem Werteverständnis übereinstimmen. Dass wir Nazis nicht von kultureller Sensibilität überzeugen können, ist keine große Überraschung. Aber wir schaffen es ja nicht mal bei den Guten, bei denen, die grundsätzlich motiviert sind, die Welt etwas besser zu machen.

Wenn du möchtest, dass Leute dir und deinem Beispiel folgen, dann musst du dir Gedanken über das Wie machen. Das gilt für alle.

Nehmen wir an, ich möchte für eine gute Sache eintreten. Ich greife ein willkürliches Beispiel heraus: Sensitivity Reading. Das Folgende gilt aber prinzipiell für alle Botschaften, die ich rüberbringen will. Also, Beispiel: Ich möchte, dass mehr Menschen wissen, was Sensitivity Reading ist und es für gut befinden. Idealerweise sollten alle, die etwas veröffentlichen (Autoren, Journalisten, Blogger, Verlage etc.) Sensivity Reading einsetzen.
Das ist meine Zielformulierung. 
Die aktuelle Situation ist noch ein bisschen schwierig. Viele wissen noch gar nichts davon und von denen, die es kennen, sind sehr viele kritisch, ja sogar ablehnend. 
Das ist der aktuelle Stand.
Die Frage, die ich mir stellen muss: Wie kommuniziere ich die Tatsache, dass ich Sensitivity Reading für unabdingbar halte, um damit ein paar Leute zum Umdenken zu bewegen?
Und schon bin ich mittendrin in dem Wie. Das beinhaltet sowohl die Entscheidung für ein Medium (Social Media, Video-Plattformen, Barcamps, …), als auch die Form (Tweets, Videos, Vorträge, Podcast, …), als auch die Gestaltung des Inhalts (sachlich, informierend, aufdeckend, anprangernd, humorvoll, interaktiv, …). Die Möglichkeiten, Veränderungen zu gestalten sind vielfältig. Es gibt leider keinen Königsweg, den ich bei dem gewählten Beispiel vorschlagen könnte. Aber es gibt in der Kommunikation gewisse Fallstricke, die man vermeiden sollte.

Kommen wir also zu den No-Gos, dem Grab der guten Kommunikation und jeglichem konstruktiven Austausch. Du kannst noch so woke sein, deine Botschaft noch so wichtig und richtig, bedienst du dich folgender Mechanismen, ist Widerstand garantiert. Und ich rede nicht von den Trollen, die sich sowieso nicht überzeugen lassen, sondern von Menschen, die dich und deine Meinung sonst sogar schätzen.

Negativität

Ganz banales Beispiel, das jeder kennt: Denke nicht an einen rosa Elefanten. And was denkst du jetzt? Genau – an einen rosa Elefanten, also genau an das, an das du nicht denken sollst. Die Aufforderung ist ein Negativ-Satz. Kurz gesagt: Sagt den Leuten nicht, was sie nicht tun sollen. Oder in diesem Sinne besser formuliert: Leuten zu sagen, was sie nicht tun sollen, wird dich nicht ans Ziel bringen.
Aber Negativität umfasst noch viel mehr. Ich saß vor ein paar Jahren in einem Meeting mit einem meiner Kunden und der Big Boss war anwesend. Das Marketingteam präsentierte die Kommunikations-Strategie für die Einführung einer neuen Dachmarke. Es waren ganz nette Geschichten, verpackt in Videos, emotional ansprechend. Werbung eben. Der Big Boss sah sich alles an und sagte: „Ganz gut. Aber alle diese Geschichten haben eine negative Prämisse. Es gibt ein Problem, hier ist unser Produkt, die Lösung. Das gefällt mir nicht. Wir sollten eine positive Message haben.“
Das klingt jetzt natürlich nach Marketing-Geschwurbel und war es auch, aber der angesprochene Punkt war richtig. Natürlich kann ich ein Produkt als Problemlöser positionieren, aber nur dann, wenn es auch einer ist. Ein Rohrreiniger löst das Problem mit dem verstopften Abfluss. Ganz klar. Aber ein Schokoriegel löst nicht das Dilemma, dass Eltern an Weihnachten gestresst sind. Sensitivity Reading löst nicht das Problem von alltäglichem Rassismus, es radiert Mikroaggressionen nicht aus. Statt auf den gesellschaftlichen Problemen herumzureiten, könnte es schlauer sein, die Vorteile hervorzuheben, z.B. bessere Textqualität, breitere Leserschaft oder Ähnliches.

Mit Shitstorms drohen

Autorinnen z.B. davor zu warnen, dass sie einen Shitstorm riskieren, wenn sie auf Triggerhinweise oder Sensitivity Reading verzichten, ist Motivation durch Angst. Damit erreichst du vielleicht, dass ein paar mehr auf diskriminierende Sprache oder gefährliche Tropes verzichten, doch der Grund, weshalb sie es tun, ist nicht Rücksichtnahme, sondern Schiss vor dem Outcalling auf Social Media. Das wird als Zensur empfunden.

Shitstorms starten

Wenn unser oberstes Ziel ein besseres Miteinander ist, das wir durch mehr Sensibilisierung erreichen wollen, dürfen wir uns ebenfalls nicht aufführen wie unsensible Kackbratzen. Outcalling ist manchmal wichtig, z.B. wenn jemand vorgibt, ein Menschenfreund zu sein, dann aber einen Tweet mit rechtem Gedankengut nach dem anderen raushaut. Eine Autorin dafür outzucallen, dass sie Fehler sie bei der Darstellung z.B. einer psychischen Krankheit gemacht hat oder einen Autor an den digitalen Pranger zu stellen, weil er sexistische Beschreibungen nutzt, ist aber das Gegenteil von Sensibilisierung. Versteht mich nicht falsch: Kritik ist legitim. Natürlich sollten die Autoren erfahren, was sie falsch gemacht haben, um es später besser zu machen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Outcalling auf Social Media jedoch ist die Böseste. Denn selbst, wenn du recht hast und in der Lage bist, sachlich zu argumentieren – du wirfst die Person denjenigen für die Füße, die emotional und verletzend reagieren. Dass man etwas Gutes tun will und selbst besonnen bleiben kann, ist nicht weit genug gedacht.

Öffentliches Bestrafen

Viele Autor*innen haben den Wunsch, diverser zu schreiben. Keine, wirklich keine, will mit ihrem Werk jemanden ernsthaft verletzen. Dennoch herrscht Verunsicherung. Wie kommen wir zu einer gesunden Fehlerkultur, zu einem Raum, in dem es Autor*innen gestattet ist, im Entwicklungsprozess Fehler zu machen, ohne dass diese gleich und absolut bestraft werden? Wir werden, zum Beispiel, nicht von heute auf morgen eine bessere Repräsentation von Marginalisierten in der Literatur bekommen, bloß weil wir sie lautstark fordern. Es wird ein Lernprozess sein, in dem Fehler passieren. Jeder wird mir zustimmen, dass ein Kind, wenn es etwas Neues lernt, Fehler macht. Wird es für diese Fehler hart bestraft, fertiggemacht, abgewertet, dann führt dies im schlimmsten Fall dazu, dass es den Lernprozess abbricht. Und nichts anderes werden Autor*innen tun, die diverse Figuren in ihre Romane einbauen, dabei Fehler machen und für diese von der Community öffentlich bestraft werden, zum Beispiel in der Form von Boykottaufrufen, Shitstorms etc. Nochmal: Kritik ist immer legitim. Doch verliert nie das Ziel aus den Augen. Das Ziel ist nicht, einen Autor wegen seiner Fehler fertigzumachen. Das Ziel ist, mehr Autor*innen von der guten Sache zu überzeugen. Die meisten sind ja offen für Kritik und Feedback. Lästern, Beschimpfen oder gar Boykottaufrufe führen jedenfalls nicht zu einer besseren Repräsentation von Marginalisierten.

Sich seiner eigenen Außenwirkung nicht bewusst sein

Ihr kennt den Spruch: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Auch die Selbstdarstellung in der Online-Welt hat großen Einfluss darauf, wie andere unsere Botschaften wahrnehmen. Ich habe kürzlich das Twitter-Profil einer Person schweren Herzens stummgeschaltet, obwohl ich sie sehr schätze. Doch die Tweets dieser Person bestanden zu 45% aus Gejammere darüber, wie stressig momentan alles ist, wie schlecht es ihr geht und wie sehr sie in der Vergangenheit unter Mobbing gelitten hat. Die anderen 45% waren Rants, Outcallings und Werbung für einen Beitrag u.a. darüber, wie professionell sie sei. (10% waren nichtssagendes Blabla). In mir kam der Eindruck auf, dass hier jemand nach doppelten Standards agiert: Einerseits wird Mobbing und Lästern verurteilt – andererseits wurde zwei Tage davor ein Thread gestartet, in dem über jemand anderen fröhlich abgelästert wurde (es sei ja nur ein Späßle). Ich wiederhole mich erneut: Das ist alles legitim. Wenn du dich mal einen Tag so fühlt und den anderen Tag so, dann ist das völlig okay. Bedenke aber bitte, was du damit von dir preisgibst. Einer professionell wirkenden Person, nimmt man Kritik anders ab, als einer, die über Dinge jammert, die sie anderen selbst antut.

Kritik als Einbahnstraße begreifen

Es ist schon etwas ironisch: Fast immer, wenn gefordert wird, dass andere gefälligst Kritik auszuhalten haben, handelt es sich bei dem Absender um eine Person, sie selbst Kritik vehement abschmettert. Doch auch Kritik an der Kritik ist legitim. Interessanterweise kommt vor allem hier immer wieder der falsche Vorwurf des Tone Policings auf. Eine Kritik wird kritisiert und schon ist es angeblich nichts anderes als Tone Policing – damit wird die Kritik an der Kritik abgewertet und legitimiert, sie zu ignorieren.
Wer nicht bereit ist, Gegenwind zu ertragen, der sollte seinerseits nicht mit harscher Kritik um sich werfen. Und, ja, das gilt auch dann, wenn die Kritik sachlich richtig ist. 


Stellt dir immer die Frage nach dem Ziel: Will ich, dass meine Kritik ordentlich trifft? Warum will ich das? Was macht das mit dem Empfänger? Was sagt es über mich selbst und meine Glaubwürdigkeit aus? Oder ist mein Ziel ein besseres Miteinander? Möchte ich, dass sich wirklich etwas ändert? Wie erreiche ich das am besten?

Es kommt also sehr wohl auf das Wie an. Die Tatsache, dass eine Botschaft richtig und wichtig ist, ist kein Freifahrtschein für Respektlosigkeit.