4 Adventssonntage - 4 Texte zum Nachdenken, Teil 3

Mein Brotjob ist nicht nur „was mit Medien“ – ich bin Kommunikationsberaterin und als solche beschäftige ich mich tagtäglich mit Botschaften, dem Platzieren solcher Botschaften und den Motivationen der Empfänger dieser Botschaften. Mir kann keiner erzählen, dass es scheißegal sei, wie man etwas rüberbringt, denn das ist schlicht und ergreifend falsch.
Ich werde heute und nächsten Sonntag ein paar Themen ansprechen, die mir persönlich vor allem im digitalen Diskurs (z.B. in Social Media) auffallen und diese werde ich vor meinem professionellen Hintergrund als Kommunikationsberaterin beleuchten.

Der falsche Vorwurf des Tone Policing

Es gibt, glaube ich, nur sehr wenige Diskussionen, in denen nicht irgendwann eine/einer den Tonfall kritisiert und dann dafür des Tone Policings beschuldigt wird. Dieser Begriff wird so über-inflationär falsch genutzt wie z.B. auch das Wort „triggern“ (siehe mein Artikel vom letzten Sonntag).
Tone Policing hat etwas mit Privileg zu tun: Eine privilegierte Person kritisiert die Ausdrucksweise einer marginalisierten Person, um vom Inhalt einer Aussage abzulenken. Damit soll die Aussage/ Meinung der marginalisierten Person herabgewertet werden. Ganz oft passiert das, wenn die sachlichen Argumente ausgehen oder von vornherein keine sachliche Grundlage vorhanden war. Stichwort: Mit Nazis reden.
Was Tone Policing nicht ist: Kommunizieren Menschen auf Augenhöhe, zum Beispiel zwei weiße cis Frauen miteinander, und eine der beiden wird unverschämt, dann hat die andere jedes Recht, dies zu kritisieren und darüber verärgert oder verletzt zu sein. Was fehlt, ist das Machtgefälle und die Motivation dahinter, auf den Tonfall hinzuweisen, ist nicht die Ablenkung vom eigentlichen Thema oder die Abwertung einer Meinung, sondern die legitime Wunschäußerung, weiterhin mit Respekt behandelt zu werden.
Die Mechanismen bei Diskussionen im digitalen Umfeld folgen zum Teil etwas anderen Regeln als im RL, doch müssen sie immer im Gesamtkontext der zwischenmenschlichen Kommunikation betrachtet werden. Im digitalen Umfeld, auf Social Media, ist sehr oft nicht klar, mit wem man eigentlich genau kommuniziert. Man weiß oft nicht, ob da eine marginalisierte Person rechtes Gedankengut anprangert oder ein weißer Ally. Ein Machtgefälle ist oft nicht klar erkennbar, weshalb das Hinweisen auf den Tonfall oder die Ausdrucksweise in Online-Diskussionen allgemein abgelehnt wird. Es ist einfach sehr schlechter Kommunikations-Stil. Das sollte man sich bewusst machen.

Aber es ist nicht immer gleich Tone Policing und wird der Vorwurf des Tone Policing in einer Situation angebracht, die sich ganz anders darstellt, dann bringt mich das tierisch auf die Palme. Weil es – genau wie eigentliches Tone Policing, ironischerweise – oft genutzt wird, um andere mundtot zu machen. Um Menschen in einer Diskussion die Eignung abzusprechen, überhaupt mitzureden. Um Meinungen, die man nicht hören will, abzuwerten.
Uns allen fällt es im Internet leichter, einen herberen Ton anzuschlagen als im RL – so kann es auch einer marginalisierten Person passieren, dass sie sich im Ton vergreift. Nun kommt es – wie so oft – auf den Kontext und die Botschaft an. Beschwert sich eine WoC über den Rassismus, den sie erfahren musste, dann wäre der Hinweis auf den Tonfall seitens einer weißen privilegierten Person Tone Policing. Lästert sie über eine weiße Person, weil sie ihre Hose hässlich findet und wird darauf hingewiesen, dass das nicht nett ist, dann ist das eben nicht. Kritik am Tonfall wird nicht automatisch zum Tone Policing, bloß weil der ursprüngliche Absender einer Botschaft eine marginalisierte Person ist.

Mir bliebt nur zu sagen, dass wir alle hier besonnener sein sollten. Frust rauslassen, falsches Verhalten anklagen etc. ist alles völlig legitim, doch niemals, ohne den Kontext zu betrachten. Es ist nicht zu viel verlangt, sich vor dem Posten einer Botschaft mit Kritik die Frage zu stellen, was diese beim Kritisierten auslösen kann, auch – bzw. vor allem – wenn die Kritik sachlich richtig ist.
Beispiel A: „Mir persönlich gefällt [das Werk, z.B.: Bild, Song, Buch, Gedicht etc.] nicht, weil … [Grund 1, Grund 2, …].“
Bespiel B: „Ha, ha! Wie schlecht ist das denn?! Guckt mal, wie schlecht. Ich lach mich tot.“
Beides ist Kritik und völlig legitim. Doch ich denke, es wird klar, welches Beispiel eher angenommen und akzeptiert wird, und welches dagegen als Lästern aufgefasst und somit defensives und abwertendes Verhalten zur Folge hat.

„Aber, ich bin eben so. Ich provoziere halt gerne mal.“

Eine Aussage bewusst provokant zu formulieren, kann ein nützliches Instrument sein, z.B. um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber es sollte wohl überlegt und nur sehr selten genutzt werden. Leider sieht man es viel zu oft: Da wird etwas bewusst überspitzt rausgehauen, die Drukos kommen rein, irgendwann wird es outgecalled, die Diskussion dreht auf. Früher oder später stellt der Ursprungsabsender die Aussage richtig, bzw. macht deutlich, was er/ sie eigentlich damit sagen wollte, wobei ich mich dann immer frage: Warum zur Hölle hast du es dann nicht gleich so gesagt?! Doch schon sind wir mitten in der Meta-Diskussion und – schwupps! – steht auch wieder der Vorwurf des Tone Policings im Raum. Wenn du bewusst provozierst und dich jemand dessen entlarvt, dann ist das nicht zwangsweise Tone Policing, wenn der Inhalt deiner Aussage nicht herabgesetzt wird, z.B. Dem Inhalt wird u.U. sogar ein höherer Wert beigemessen. Dir wird zugestimmt, nur schade eben, dass du deine Botschaft mit deiner Provokation selbst abgewertet hast. Und auch hier ist wieder der Kontext zu beachten. Sich über eine Ungerechtigkeit aufzuregen und sich dabei starker Sprache zu bedienen, ist eine Sache. Doch Kritik an der Sprache ist nur dann Tone Policing, wenn du aus einer unterdrückten Position heraus argumentierst und ein dir gegenüber privilegierter Gesprächspartner deine Aussage abwertet. Regst du dich in einer Sache stellvertretend für jemand anderen auf, sieht sie Sache schon etwas anders aus. Und auch wenn du selbst diskriminiert oder marginalisiert wirst, und dreht sich die Diskussion nicht eben genau darum, sondern um ein anderes Thema (wie z.B. das Wetter), dann ist es kein Tone Policing, wenn man dich darauf hinweist, bitte nicht unverschämt zu werden. 
Manchmal hilft es auch, erstmal eine Runde um den Block zu drehen, ehe man eine Botschaft raushaut.

Macht euch bitte bewusst, dass jedes Mal, wenn ihr „Tone Policing!“ schreit, obwohl es das gar nicht war, sich die Wahrnehmung des Begriffs verändert. Irgendwann kann ich jede Art der Kritik an der Form einer Botschaft einfach mit diesem Scheinargument abschmettern und brauche mich nie wirklich damit auseinanderzusetzen, was ich falsch gemacht haben könnte. Damit ist ein Diskurs nicht mehr möglich. Meinungen werden beschnitten. Ende der Demokratie.
Also, am besten hangelt ihr euch an einer Checkliste ab:
  • Ist die Person, die den Tonfall/ die Ausdrucksweise kritisiert dem/der Absender*in einer Botschaft gegenüber privilegiert? Z.B. weißer cis Mann gegenüber einer WoC, etc.?
  • Geht es in der Diskussion um eben genau das Thema der Marginalisierung und Diskriminierung? Z.B.: Hat eine behinderte Person auf Ableismus hingewiesen und ist für ihre Ausdrucksweise kritisiert worden?
  • Diente die Kritik an der Ausdrucksweise dem Abwerten der Aussage?
Privileg, Kontext, Abwertung.
Kann man an allen drei Punkten einen Haken machen, handelt es sich ziemlich sicher um Tone Policing. Kann man nur zwei von drei Punkten abhaken, wird es schon etwas schwieriger – da würde ich mit dem Vorwurf vorsichtig sein oder den weiteren Verlauf der Diskussion abwarten. Trifft nur einer der drei Punkte zu, ist es höchstwahrscheinlich kein Tone Policing oder hier wurden Dinge miteinander vermischt, die Situation ist nicht klar, etc. Dann würde ich diesen Vorwurf nicht anbringen, eben weil ich nicht sicher sein kann, ob er richtig ist, und ich keinen Menschen falsch beschuldigen möchte.

Ungeachtet dessen, dass der falsche Vorwurf des Tone Policings problematisch ist – man sollte das Hinweisen auf die Ausdrucksweise in Online-Diskussionen möglichst vermeiden, denn es hebt die Diskussion auf die Meta-Ebene und führt am Ende zu nichts, außer zu noch mehr Konflikt.

Und auch das ist schlechter Stil.


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